Mittwoch, 1. Februar 2012

Was geschehen ist..

Ein Thema, was mir am Herzen liegt. Mein erstes Buch zum Thema Shoah las ich mit 10 Jahren. Von da an begann für mich ein Kampf. Ein Kampf gegen das Vergessen. Ein Kampf der Aufklärung. Ein Kampf gegen Neuaufkommendes. Ein Kampf mit mir selbst. Ein Kampf für Verständnis. Ich war oft in Buchenwald. Weinte, schrie. Ertrug es nicht. Dumme Kinder, die Fangen spielten und Eiszapfen vom Krematorium abbrachen. Es ist keinesfalls Einbildung, wenn Menschen beim Betreten eines Konzentrationszentrums ein seltsames Gefühl schildern. Es ist kälter als die Umgebung. Ein dumpfer Nebel hüllt alles ein. Es ist still. Totenstill. Man hört keine Tiere, Vögel. Alles ist wie unter einem dicken Schleier. Ich persönlich empfinde Konzentrations- oder Arbeitslager als irreal. Sie existieren, aber ich kann nicht realisieren, dass sie existieren. Meine Finger fahren über jedes Gebäude, tasten Bäume und Sträucher ab, befühlen Steine. Ich bin wie in Trance, kann nichts an mich heran lassen. Ich bin reizbar. Jedes kleinste Detail könnte mich zum ausrasten bringen. Aber ich bin unter einer Glocke, ein Schutzfilm. Kann kaum handeln. Kann nur weinen. In Buchenwald halluzinierte ich. Sah Menschen, die nicht da waren. Nicht mehr. Ausschnitte von Filmen liefen in meinem Kopf. Tote Menschen lagen auf der Erde. Das Krematorium rauchte. Und plötzlich lag da wieder dieser bittersüße abscheuliche Geruch verbrannter Menschen in der Luft. Schwarz. Alles war auf einmal schwarz. Ich verlor mein Bewusstsein. 
Das waren die Erfahrungen, die ich in der Gedänkstätte des ehemaligen KZ Buchenwald machte. 
Aber nun Auschwitz? Die Shoah gewissermaßen personifiziert? 3 Tage im größten deutschen Vernichtungslager. Und 2 Tage Ghetto Krakau. Kann ich das verarbeiten?

steine schreien dich an
blutgetränkt
spüren touristenkrepp statt rauhem Holz
nun schon seit zwei Jahrzehnten

bäume tragen Blätter
vögel singen
der süße Rauch vetrieb sie einst
wie alles leben

und du gehst dort wo das grauen ging
und fühlst an dem voltosen draht

und nichts begreifst du
nichts

doch die bäume tragen wieder blätter
und die Vögel singen wieder

(Bernd-Lutz Lange)


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