Montag, 13. Februar 2012

Alles ist irreal..





Niemals habe ich so bitterlich geweint. Niemals in meinem ganzen Leben. Es ist und bleibt unbegreiflich für mich. Es ist ein dunkles Loch. Etwas, was der Verstand nicht erklären kann. Was NIEMAND erklären kann. Mir tut mein Herz weh, meine Augen, mein Kopf. Wie? Wie ist das möglich?! Eine leichte Schneedecke überdeckte das sonst auch schon graue Land. Es war kalt. Bitterkalt. Als wir das Ortsschild "Oświęcim" passierten, verstummten schlagartig jegliche Gespräche. Die vielen Augenpaare waren aus den Fenstern gerichtet; niemand wusste, was nun kam. Wir sahen Wegweiser, die Auschwitz als Touristenaktion erscheinen ließen. Vielleicht ist es dies mittlerweile auch für viele. Traurig. 

Besuch des Stammlagers. 




Ich kann es, warum auch immer, unter keinen Umständen in meinen Kopf lassen. Es geht nicht. Rote Backsteingebäude, nummeriert. "Arbeit macht Frei". Ich begreife nichts. Es scheint wie eine peinlich strukturierte Wohnbausiedlung. Haus an Haus. Alles sieht gleich aus. Block 14a. Block 15a. Spuren im Schnee. Ein dicker Nebel liegt über Auschwitz. Ein dicker, dicker Nebel gemischt mit diesem seltsamen Duft. Dick eingehüllte Menschen, die trotzdem vor Kälte zittern. Gefühlte -40°C. Und da waren wieder die Bilder: Halb nackte Menschen. Krankhaft dünn. Augen ohne Ausdruck, ohne Wille. Nur bei wenigen blitzt es noch. Bei einigen von unserer Gruppe vielleicht. Der Wille wurde noch nicht ganz gebrochen. Oft kann man nicht in die Gesichter schauen. Der Blick zu Boden gerichtet. Nackte Füße auf dem Schnee. Ein Kinderweinen. Ich kneife mir in den Arm um diese Bilder verschwinden zu lassen. Wir betreten die Blöcke.. Überreste. Absurd. Pervers. Brillen, Koffer, Rasierpinsel, Prothesen, Töpfe, Haare, Schuhe. Winzig kleine Kinderschuhe. Ein endlos langer Raum, gefüllt mit Haaren. Es sind nur noch die Haare hier. Wo sind die Menschen dazu? Nur noch die Haare. Nur Haare. Jedes einzelne Haar gehörte einem Menschen. Haare. Wo ist er jetzt? Wie war sein Name? Haare. Warum sind nur noch die Haare hier? Nur Haare. Alles wirkt noch weiter weg, das hier passiert gerade nicht, nein. Nicht real. Ich muss träumen. Haare. Ich kann nicht kontrollieren, dass dicke heiße Tränen meine Wange herunter rollen. Pausenlos. Im nächsten Raum. Diese winzigen Füßchen. Ich sehe nackte Kinderfüße, ganz blau vor Kälte, im Schnee zittern. Ein Kind, welches stolz auf die blauen Lederschühchen war. Zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ein 3jähriges Kind. 





Jeder einzelne Gegenstand war im Besitz eines Menschen, teil seines Lebens. Die Brille, ohne die man fast blind war. Der blaue Kochtopf mit den weißen dicken Punkten, der die Kartoffelsuppe kochte. Der weiche Rasierpinsel, mit dem sich ein Vater jeden morgen übers Gesicht fuhr. Alles hat seine Geschichte. Die Koffer waren mit Namen beschriftet. Wer war Franz Engel? Else Meier? Klara Goldstein? Margarete Glaser? Jacob Greilsamer? Else Hitschmann? Otto Israel Schönhof? Leon Singer? Dr. Bernhard Israel Aronsohn? Paul Gelbkopf? Jetti Messing? Peter Eisler, Kind, geb. 20.März 1942? Waisenkind Hana Fuchs? Bertha Eppinghausen? Marie und Tom Zappner? Waisenkind Gertrude Neubauer? Namen, die kein Gesicht mehr haben. Namen, hinter denen eine Geschichte steckt. Im nächsten Raum.. Runde Dosen. Mit Totenkopf und kaum mehr entzifferbarer Schrift gekennzeichnet. Mir wird übel. Mir scheint, als seien die Synapsen, welche die gesehenen Dinge in Informationen umwandeln und an mein Gehirn weiterleiten, außer Betrieb, geplatzt. Es ist nicht möglich, dies weiterzuleiten, es ergibt keinen Sinn. Dafür weine ich, habe das Gefühl, nie wieder aufhören zu können. Perverse Bilder in meinem Kopf. Menschen in einem Raum. Aneinandergepfercht. Die Tür geht zu. Schreie. Verzweifeltes Hämmern gegen die Stahltür. Kratzen. Gebete. Stille. Nackte Menschenleichen. Ein kleines leeres Döschen. Ich weine. 

Mittwoch, 1. Februar 2012

Was geschehen ist..

Ein Thema, was mir am Herzen liegt. Mein erstes Buch zum Thema Shoah las ich mit 10 Jahren. Von da an begann für mich ein Kampf. Ein Kampf gegen das Vergessen. Ein Kampf der Aufklärung. Ein Kampf gegen Neuaufkommendes. Ein Kampf mit mir selbst. Ein Kampf für Verständnis. Ich war oft in Buchenwald. Weinte, schrie. Ertrug es nicht. Dumme Kinder, die Fangen spielten und Eiszapfen vom Krematorium abbrachen. Es ist keinesfalls Einbildung, wenn Menschen beim Betreten eines Konzentrationszentrums ein seltsames Gefühl schildern. Es ist kälter als die Umgebung. Ein dumpfer Nebel hüllt alles ein. Es ist still. Totenstill. Man hört keine Tiere, Vögel. Alles ist wie unter einem dicken Schleier. Ich persönlich empfinde Konzentrations- oder Arbeitslager als irreal. Sie existieren, aber ich kann nicht realisieren, dass sie existieren. Meine Finger fahren über jedes Gebäude, tasten Bäume und Sträucher ab, befühlen Steine. Ich bin wie in Trance, kann nichts an mich heran lassen. Ich bin reizbar. Jedes kleinste Detail könnte mich zum ausrasten bringen. Aber ich bin unter einer Glocke, ein Schutzfilm. Kann kaum handeln. Kann nur weinen. In Buchenwald halluzinierte ich. Sah Menschen, die nicht da waren. Nicht mehr. Ausschnitte von Filmen liefen in meinem Kopf. Tote Menschen lagen auf der Erde. Das Krematorium rauchte. Und plötzlich lag da wieder dieser bittersüße abscheuliche Geruch verbrannter Menschen in der Luft. Schwarz. Alles war auf einmal schwarz. Ich verlor mein Bewusstsein. 
Das waren die Erfahrungen, die ich in der Gedänkstätte des ehemaligen KZ Buchenwald machte. 
Aber nun Auschwitz? Die Shoah gewissermaßen personifiziert? 3 Tage im größten deutschen Vernichtungslager. Und 2 Tage Ghetto Krakau. Kann ich das verarbeiten?

steine schreien dich an
blutgetränkt
spüren touristenkrepp statt rauhem Holz
nun schon seit zwei Jahrzehnten

bäume tragen Blätter
vögel singen
der süße Rauch vetrieb sie einst
wie alles leben

und du gehst dort wo das grauen ging
und fühlst an dem voltosen draht

und nichts begreifst du
nichts

doch die bäume tragen wieder blätter
und die Vögel singen wieder

(Bernd-Lutz Lange)