Dienstag, 30. Juli 2013

Let There Be More Light

Noch einmal ein wenig Frankreich - Nostalgie. Eine kleine Reise durch eine der schönsten Regionen der Welt. Noch immer Abschalten aber dennoch durstig sein. Durstig nach Leben und Freiheit. Hungrig nach Neuem und Unbekanntem. Ein kleiner Road-Trip in fremde Gegenden. Im Gepäck ein leichtes Lachen, rastlose Füße, eine gute alte Kasette, ein Leuchten im Herzen, ein großes Stück Fernweh und ein kleines bisschen Heimweh, Neugierde, der Geschmack von Licht, eine Flasche Wasser, ein bisschen Kleingeld, eine Kamera und ganz viel Entdeckerlust!
Es ist ein heißer Tag und ich bin ein bisschen hin und her gerissen, ob ich nicht doch lieber im Schatten der Zypressen liegen bleiben soll, doch dann packt mich die Abenteuerlust und wir fahren los. Ein richtiges Ziel haben wir nicht. Doch, eigentlich schon: Aix-en-Provence. Jedoch der Weg dorthin liegt noch im Dunkeln. Wir wissen, immer nach Osten. Es ist ein langer Weg von mehreren Stunden, doch wir haben keinen Zeitdruck. Vor der Autobahnauffahrt von Aubenas steht ein Junger Mann am Straßenrand und hält seinen Daumen in den Wind. Wir halten an und ein ca. 20-jähriger Franzose namens Clement steigt in den Wagen. Er will nur ein paar wenige Kilometer mitfahren. Kunststudent. Seine Augen sprechen von der Nacht und ihren Geheimnissen. Er versucht sich ein bisschen mit Deutsch aber letztendlich muss mein gebrochenes Französisch herhalten. Nach 20 Minuten und ein bisschen Small-Talk über gute alte Rock-Musiker halten wir an einer der Raststätten und Clement bedankt sich, steigt aus und verschwindet in dem Meer aus metallenen Wellen. Zurück bleibt das Geheimnis der Nacht.
Wir fahren weiter. Aus den Boxen tönt laut "Every Generation Got It's Own Disease" und wir grölen schief mit. Es ist, als würde das Glück mit jedem Atemzug unsere Körper durchfluten. Ich könnte weinen, weil es so schön ist. Die Welt fliegt an uns vorbei und es ist einfach herrlich. Die Sonne knallt auf unser Dach und wir kurbeln die Fenster herunter. Der Wind packt unsere Haare und lässt sie wild tanzen, genau wie mein Herz. Ich wünschte, es gäbe Worte, die dieses Gefühl beschreiben könnten. Da es diese allerdings nicht gibt, muss ich auf schnulzig - kitschige Metaphern zurückgreifen. Wir fahren durch ein paar kleine Bauern-Dörfchen und wenn es uns gefällt, dann steigen wir aus und streifen durch die Gegend. Zum Glück hab ich den Badeanzug eingepackt; in einer kleinen versteckten Nische finden wir ein Stückchen Wasser, was geradezu danach schreit erkundet zu werden.
Wir sind die einzigen und genießen das kühle nass ausgiebig, bis es weiter geht. Wir fahren vorbei an spektakulären Burgen und Schlössern, kleinen heruntergekommenen Häusern, glücklichen Menschen, fremden Menschen. Der Hunger packt uns und wir halten. Das Örtchen sieht aus, als würde es eine alte Kaschemme geben, in der ein halb betrunkener Kellner Geschichten von früher erzählt und lachend Wein serviert. Wir finden einen hübschen Platz und lassen uns nieder, jedoch ist es das absolute Gegenteil einer heruntergekommenen Kaschemme mit dreckigen Toiletten und deftigem Essen: Wir landeten in einem Nobelrestaurant. Ein Blick auf die Preise und mir ist schlagartig der Appetit vergangen. Am Nachbartisch wird gerade eine sündhaft teure Flasche Champagner serviert als ich eigentlich die Flucht ergreifen will, doch schon kommt ein schleimiger Kellner herbeigeeilt um uns einen Appetizer zu servieren, der so groß wie ein 2-Cent-Stück ist und mit Sicherheit mehr als 20 € kostet. Wir fühlen uns sichtlich unwohl und nach einem kleinen Glas Wein verlassen wir fluchtartig das Lokal, natürlich mit fliegend leichtem Portemonnaie.


Wir lassen uns davon jedoch nicht den Tag verderben und fahren weiter in das unbekannte Fremde hinein.

Samstag, 20. Juli 2013

Learning To Fly

Ein kleines Paradies, ein Ort, an dem man alles vergessen kann. Sonne, satte grüne Bäume, mit Vogelgezwitscher erwachen. Ein kleines Steinhaus im Süden Frankreichs. Département Ardèche. Ein großer Fluss und viele Berge. Ein kleines Bächlein hinter dem Haus. Ein kleiner Anbau, nur für das Rösten von Kastanien. Blumen. Hohes Gras, das die Waden kitzelt. Ein aufgeweckter Hund wuselt mir um die Beine. Ich genieße jeden Augenblick. Am Abend, wenn es langsam mit dämmern beginnt, schüren wir das Feuer und spitzen unsere Stöcke an, um ein bisschen Knüppelteig zu essen. Ein kleines Blech mit den für die Region typischen "marrons", was von Zeit zu Zeit ein bisschen knackt und knistert. Genau wie das Lagerfeuer. Der Nachbarsjunge kommt auf seinem Mofa angefahren und grüßt lachend, noch ehe er in den Bäumen verschwindet. Der kleine Bach hinter dem Haus plätschert munter und ich atme die klare Luft tief ein. Ein paar Oliven und ein Glas Wein, Gitarrenmusik mit französischen Texten, das Leben könnte nicht schöner sein.
Noch vor ein paar Wochen steckte ich im grauen und hässlichen Deutschland fest. Ein Desaster nach dem anderen. Ich weiß, niemand hat behauptet, dass es einfach wird, aber letztendlich kommt immer alles auf einmal. Ich bin so froh mal weg zu sein.
Ich habe mir nie Gedanken über das "Paradies" gemacht, doch wenn es eins gibt, dann bitte, bitte, es soll dieser Ort sein. Prades, ein kleines verschlafenes Nest mitten im nirgendwo. 6000 Einwohner, die sich alle beim Vornamen rufen und ihre selbst angebauten Lebensmittel tauschen wie Geschwister. Doch Prades ist noch ein Stückchen entfernt, machmal laufe ich mit Shiva, meiner treuen französischen Hunde-Madame runter um ein paar Kartoffeln bei Laurent zu kaufen.
Wir wohnen auf einem kleinen Hügel, der sich "Les Pousadous" nennt und auf keiner Landkarte existiert. Drei Häuser, ca. 10 min auseinander gelegen. Das erste Haus gehört zwei unheimlich freundlichen Niederländern, die uns jeden morgen mit frisch gebackenem Brot, Kuchen oder ein paar Salatköpfen überraschen. Sie haben zwei Söhne und einen aufgeweckten Jagdhund namens Cooper.. Im zweiten Haus wohnen wir. Eine typische "Künstler-Bude" mit riesigem Atelier. Überall hängen Bilder oder andere abstrakte Gebilde. Ich fühle mich mehr als wohl und würde hier am liebsten für immer verweilen. Eine Stube mit Kamin, der aber nur im Sommer benötigt wird. Eine riesige Küche, die dazu einlädt, sich kulinarisch auszutoben. Eine Ecke mit den verschiedensten Weinsorten aus der Region. Und dann noch die drei Zimmer, voll mit Büchern bis unter die Decke. Die Möbel sind aus einer Zeit, von der man gern träumen mag. Weiße frische Lacken, die mich in der Nacht mit sanftem Duft von Lavendel umhüllen. Ich kann mich nur wiederholen, es ist ein Paradies.
Das dritte Haus, ganz oben auf dem Berg, am Ende des Waldweges, gehört Jean-Marc. Ein herzlicher Mann, der seit einigen Jahrzehnten an Liebeskummer leidet und sich das Schlößchen auf "Les Pousadous" kaufte, als es als solches nicht mehr zu erkennen war. Er steckte viel Arbeit hinein und hat heute dort oben auch ein kleines Märchenschloß. Wir alle treffen uns mehrmals die Woche, jedoch ganz ohne Absprachen. Jeder bringt was mit und dann erzählen wir uns Geschichten aus fernen Ländern oder nahen Städten. Ich lausche gern Jean-Marc, sein gebrochenes Herz lässt alles in einem warmen und melacholischem Licht leuchten. Die Hunde spielen miteinander und tollen über die Wiese. Wir sitzen dann so da und lauschen und reden und lachen und weinen und singen und tanzen und vergessen, bis nur noch die Grillen zirpen. Dann sind wir wieder allein und jeder genießt diese kleine Stückchen Glück, was er in den Händen halten darf.

In den Morgenstunden schnappe ich mir meine Joggingschuhe und Shiva, und wir könnten Stunden laufen. Auf der Hälfte des Weges kommt uns das gelbe "La Poste"-Auto entgegen und die Frau winkt uns aufgeregt zu. Meistens laufen wir bis Jaujac und drehen dann um, wenn wir zu Hause ankommen, duftet es nach frischem Baguette und Kaffee. Nach einem ausgiebigem Frühstück, eher ein Brunch, kommt die Mittagssonne ums Haus und ich lege mich mit netter Lektüre in den Garten. Shiva kommt meistens nach und fläzt sich in meinen Schatten. Wenn es zu warm wird, hüpfe ich mal eben in das kleine Bächlein hinterm Haus.

Sobald die Mittagssonne ein bisschen milder ist, fahren wir in die umliegenden Dörfer und Städte, klappern Märkte ab oder spazieren einfach herum. Am Abend gibt es ein herrliches Essen, und die Nachbarn kommen wieder vorbei. Einmal war ich tanzen, ich konnte nicht aufhören zu lachen, es war utopisch.
So vergeht ein Tag nach dem anderen und es könnte ewig so weitergehen. Ich lege mich nun wieder in den Garten und genieße mein kleines Glück.